Nichts geht leichter von der Hand, als an ESPN herumzunörgeln, selbst wenn man nur die abgespeckte europäische Version des Senders in Europa zum Maßstab nimmt: die teilweise schon unangenehme Nähe zu den Sportlern, über die man ja eigentlich kritisch berichten sollte (auf der anderen Seite: warum eigentlich?); die Selbstdarstellung der Moderatoren, vor allem der amerikanischen „Sportscenter“-Anchors, die sich wie Stars gerieren (und wieder: sind sie das nicht auch? Stuart Scott, Rich Eisen, Dan Patrick, um einmal einen Alteingesessenen und zwei Ehemalige zu nennen). Genau dieselben Argumente könnte man aber auch pro ESPN ins Feld führen, denn wie herrlich sind Athleten wie Falcons-Quarterback Matt Ryan, der sich für ein Sportscenter-Commercial freiwillig Nerd-Sticker auf den Rücken pappen lässt (noch dazu von der unsäglichen Linda Cohn)? Oder Stephen King, der seine Obsession für die Boston Red Sox an gleicher Stelle naturgemäß nur teuflisch zu begründen weiß? Das „E“ steht nunmal für „Entertainment“ (der Rest für „Sports Programming Network“), und, da wird mir hoffentlich auch niemand aus der Dortmunder Südkurve widersprechen, das soll der Sport am Ende des Tages auch sein.
Und damit zu Steve Bartman.
Die Grundfesten: die Chicago Cubs haben seit 1908 in der amerikanischen Baseball-Liga nicht mehr den ganz Großen Preis gesichert, die World Series. „Loveable Losers“, so die allgemeine Einschätzung außerhalb Chicagos; dazu die historische Spielstätte Wrigley Field, gerne auch „Friendly Confines“ gerufen. Wahrscheinlich sogar in Chicago. Alles zwar erfolglos, aber doch recht gemütlich, sofern man nicht selbst mit Carlos Zambrano mitzittern muss. Das „Next Year will be Our Year“ sollte auf den Trikots eigentlich ebenso obligatorisch eingestickt sein wie das „Mes que un club“ beim FC Barcelona. 2003 war so ein „Next Year“: die Cubs wieder einmal in den NLCS, als Gegner die Florida Marlins, die nach allgemeinem Dafürhalten dort zum einen nichts verloren, zum anderen aber schon gar nichts zu gewinnen hatten. Spiel 6, achtes Inning, die Cubs führen im Spiel mit 3:0 Runs und in der Serie mit 3:2 Siegen. Florida hat noch fünf Outs und sich letztlich schon aufgegeben, hoher Pop-Up in Richtung Foul Territory, der Leftfielder der Cubs, Moises Alou, schickt sich an, den Ball zu fangen. Ebenso wie mindestens fünf Zuschauer auf der seitlichen Tribüne. Einer, Steve Bartman, berührt die Frucht, lenkt sie ab, sodass Alou mit leerem Handschuh dasteht. Kein Out, die Marlins gleichen nicht nur aus, sondern scoren insgesamt schlanke acht Runs im Inning, gewinnen Spiel 6 und dann gleich auch noch die World Series (Josh Beckett, Complete game @ Yankee Stadium; ein Highlight, bis heute). As for Steve Bartman: persönlich dafür verantwortlich, dass die Cubs nicht nur weiterhin titellos dastehen, sondern schlimmer noch, dass die Fans des Teams zu glauben vorgeben, dass auf den Cubs ein Fluch lastet.
„Catching Hell“, so der Titel eines ESPN-Films über Bartman, der als Fortsetzung der „30 for 30“-Reihe letzte Woche auch bei uns gezeigt wurde. Ganz abgesehen davon, dass der deutschsprachige Sportfilm grundsätzlich nicht existiert (mit Ausnahmen, z.B. „Ein Tag im September“), Vergleiche also nicht möglich sind, muss man, zumindest ich, wieder einmal konzedieren, dass die Amerikaner oft sehr genau wissen, was sie mit ihrer Leidenschaft für den Sport so produzieren. Im gegebenen Fall ganz großes TV-Kino zum Beispiel. Was hier aber gar nicht der Punkt sein soll, vielmehr die kleine Fußnote, dass neben Bartman auch Bill Buckner, der bis zu einem Spiel in den World Series 1986 hoch angesehene First Baseman der Red Sox, zu Wort und ins Bild kommt. Und im interessierten Zuschauer die Frage keimen lässt: wo sind eigentlich die großen, tragischen Helden des deutschen Sports? Wo ist der Spieler, dessen Faux-Pas noch Jahre später als der Wendepunkt einer bis dahin formidablen Erfolgsgeschichte zu werten ist? In other words: wo sind die Dramen, die unerfüllten Versprechen, die nicht gewonnenen Titel, die einem Jahre später noch im Magen liegen? Einen hätte ich in der Vorderhand, kommt auch gleich, aber da drängt sich auch schon der Österreicher vor: so man die Formel 1 als Sport akzeptiert, ist das Trauma der jungen Jahre immer noch nicht verarbeitet, dass Jochen Rindt 1970 nur posthum Weltmeister geworden ist, nachdem es seinen Lotus in Monza zerlegt hat. Und, auf einer viel kleineren Skala, aber weil persönlich bekannt, das Schicksal vom Stering Sepp, der als einer der großen Protagonisten der WM-Quali für Argentinien 1978 ein paar Wochen vor der Endrunde eher unschön niedergemäht wurde und die Spiele, Cordoba nicht ausgenommen, daheim vor dem Fernseher verfolgt hat.
Jeder Sportfan in den USA weiß, was Bill Buckner so angestellt hat (in kurzen Worten: die Misere der Red Sox Fans bis 2004 verlängert; auch wenn er das nämliche Spiel nicht alleine verloren hat), kann mit dem Namen Bartman zumindest tendenziell etwas anfangen, aber kaum bekommt man hierzulande Oliver Kahns Namen entgegen gebrüllt, möchte der geneigte Sympathisant sofort „Titan“, „Champions League Sieger“, et. al. zurückplärren. Wo doch „Verlierer des WM Endspiels 2002“ ebenso passend wäre. Zugegeben: ohne Kahn hätten es die Deutschen niemals bis ins Finale geschafft, aber wenn er den harmlosen Schuss von Rivaldo nicht nach vorne abklatschen lässt, gewinnt Deutschland das Finale im Elferschießen. Schon erstaunlich aber, wie die deutschen Medien den Fehler totgeschwiegen haben, und noch interessanter die Frage, ob das genauso passiert wäre, hätte Jens Lehmann oder ein anderer, auch nicht mit der FCB-Mediapower gewappneter, Mann das Tor gehütet. Aber sonst? Vielleicht Michael Kutzops Elfer gegen die Bayern 1986? Ah, doch! Die Meister der Herzen, Schalke anno 2001. Mit der dubiosen und bis heute nicht erklärbaren Aktion von Herrn Schober, ehemals Schalke, der ohne Not den Bayern in der Nachspielzeit einen Freistoß geschenkt hat. Aber Verschwörungstheoretiker finden im deutschen Sport keinen nahrhaften Boden.
Der große Kabarettist Josef Hader hat die Situation seiner Zunft nach dem Zweiten Weltkrieg folgendermaßen beschrieben: „Die Politiker waren angesehen und die Fußballer haben gut gespielt. Es war unheimlich schwer, Themen zu finden.“ ESPN hätte also eine große Aufgabe vor sich in Deutschland (außer man stürzte sich in die politische Landschaft). Ob man den Titan anpacken würde? Vielleicht. Aber eher nicht: nur selten gehen die Kollegen dorthin, wo es wirklich ganz weh tut. Kritische Worte (und da wären sie nun wirklich angebracht) über Lance Armstrong sind nicht überliefert. Keine Überraschung, dass der neuerdings als Kolumnist auf espn.com fungiert. Moises Alou kommt in „Catching Hell“ übrigens auch zu Wort. Und hat acht Jahre später nun die Meinung geformt, dass er den Ball gefangen und die Cubs darob gewonnen hätten. Über den Fielding Error von Shortstop Alex Gonzalez, der ebenfalls zum gewünschten Out geführt hätte, sprechen heute nur noch ganz wenige. Wäre auch nicht ganz so tolles TV.
Jens


