Die wichtigste Position im Sport

18 08 2011

Peyton Manning ist 35 Jahre alt. Peyton Manning leidet im Moment unter einer Genickverletzung, die seinen Einsatz beim Start der NFL Saison am 11.9. bei den Texans als zumindest fraglich erscheinen lässt. Und: Peyton Manning hat von seinem Team, den Indianapolis Colts, gerade einen Vertrag über die nächsten fünf Jahre bekommen, dotiert mit 90 Millionen Dollar. Warum? „Most important position in sports“, um mal wieder Dan LeBatard zu zitieren. Wirklich? Ist der Quarterback, der erfolgreiche wie Manning zumal, der MVP unter allen Mannschaftssportlern? Oder geht mit den amerikanischen Freunden da wieder einmal der nationalistische Gaul durch, wo doch Football King ist, in allererster Linie, weil der Fantasy Football in den USA unfassbare Ausmaße angenommen hat?

Eine akademische und, wie so oft, sinnfreie und vor allem subjektive Diskussion, die sich da anbahnt. Denn wie will man die Wichtigkeit eines Spielers für seine Mannschaft bewerten?  Pekuniär? Das funktioniert zumindest innerhalb der NFL gut, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Regeln der Draft Position und des damit verbundenen Gehalts. So gesehen z.B. 2009 mit Matthew Stafford, der von den Detroit Lions ein letztlich garantiertes Gehalt von knapp 50 Millionen Dollar, im Gesamten sogar 78 Millionen für einen 6-Jahres-Vertrag bekommen hat. Als Rookie, der noch keinen Snap in der NFL gespielt hat. Natürlich besetzt auch Stafford  die QB-Position, aber ist er schon in Jahr 1 tatsächlich der wichtigste Mann auf dem Feld für die Lions? Der Hoffnungsträger, das ja.  Und Hoffnung ist  etwas, das die Fans und die Teambesitzer in der Regel gewillt sind zu honorieren. Peyton Manning hat die Hoffnungen in Indy über Jahre nicht nur geschürt, sondern, in der regulären Saison, auch erfüllt.

Auf der anderen Seite: Santonio Holmes, David Tyree. Zwei Spieler, die ihren Teams zu einem guten Teil den Super Bowl gewonnen haben  - mit unglaublichen Catches. Holmes mit einem Touchdown für die Steelers gegen Arizona, Tyree mehr mit Helm als den Händen im winning drive für die Giants gegen New England. Von James Harrison´s  Interception gar nicht zu reden. Der Quarterback braucht also Hilfe – wie jeder andere Mannschaftssportler auch.  Aber aus meiner Sicht fast ein bisserl zu viel, um ihn wirklich als den wichtigsten Spieler im Teamsport  zu adeln. Die Relation zwischen Position und Gehalt ist allerdings tatsächlich nur in der NFL derart zugespitzt auf eine Planstelle: Alex Rodriguez würde von den Yankees seine durchschnittlich knapp 30 Millionen Dollar pro Jahr auch bekommen, wenn er anstelle von Third Base auf die erste wechseln oder Derek Jeter als Shortstop erlösen würde. Und in der NBA hat der Center in der Regel dieselben Chancen auf das große Geled wie der Power Forward.

Klaus Finder, ehemals Torwart der österreichischen Handball-Nationalmannschaft (bitte kein Wehklagen aus deutschen Landen: die beiden Bundesligen – kein Vergleich, andere Sportart. Die beiden Nationalteams: schon sehr viel knapper.) , Klaus Finder also, eigentlich zu schlau für eine Position, bei der man mit schöner Regelmäßigkeit einen recht harten Ball recht schnell an die Stirn gehämmert bekommt, hat mir einmal erzählt, dass in seinen guten Spielen irgendwann der Moment eingetreten ist, wo er die Gegenspieler „auf süß hat“. Übersetzt: er hat geahnt, nein, gewusst, wo der Gegner den Ball hinwerfen wird. Und das Beste daran: der nämliche Gegner hat es auch gewusst.  Soll die Debatte nun am Ende darauf hinauslaufen, dass der Torwart, zumal der im Handball, tatsächlich die wichtigste Position im Sport bekleidet? Natürlich nicht – allein. Ich nehme auch noch den Eishockey-Goalie dazu.

Beispiel: Thierry Omeyer, der unglaubliche Torwart des THW Kiel, hat in der abgelaufenen Saison (2010/11) 11,33 Bälle pro Spiel gehalten. In der Saison davor waren es noch 12,67. 1,3 Bälle abgewehrt pro Spiel, kein großer Unterschied? Vielleicht nicht, aber eher schon. Denn mit der Parade ist es ja nicht getan; aus der Abwehr entwickelt sich ein Gegenstoß, aber noch wichtiger: Omeyer in Bestform war immer ein Momentum-Changer, jemand, der besser als jede Auszeit den Schwung der Gegner bremsen kann. Hat Omeyer dafür auch die Herren Karabatic und Kavticnik gebraucht? Natürlich, ist ja ein Mannschaftssport. Und mit den beiden Letztgenannten hätte es vielleicht auch im letzten Jahr zum Titel in der Bundesliga gereicht, trotz der 1,3 Paraden weniger.  Der Anteil eines guten Handballtorwarts am Gesamterfolg der Mannschaft mag vielleicht nicht so klar zu beziffern sein wie jener des Quarterbacks, die Wichtigkeit für das Team scheint mir aber mindestens gleich hoch. Johannes Bitter, der Torwart des neuen Meisters HSV Hamburg und der deutschen Nationalmannschaft, hat übrigens seinen Paradenschnitt im angesprochenen Zeitraum um eine pro Spiel verbessert – auf knapp 10. Omeyer eine weniger, Bitter eine mehr: zwei Tore Unterschied in den Spielen zwischen Kiel und Hamburg, die bekanntermaßen Spitz auf Knopf sind.

Noch ein Wort zum Eishockey. Da gibt ja sogar der geneigte amerikanische Sportsfreund gerne zu, dass der „heiße Tormann“ den Stanley Cup holt, zumal bei der großen Ausgeglichenheit den NHL-Playoffs. Vor drei Spielzeiten war das Marc-André Fleury für die Penguins, ein Jahr später Jaroslav Halak für die Canadiens (hat „nur“ für´s Endspiel gereicht) und in der abgelaufenen Saison Tim Thomas von den Bruins. Aber niemand außerhalb Kanadas wird allen Ernstes behaupten, dass der der hot Goalie wichtiger wäre als der lauwarme QB. Und nachdem wir ziemlich weit weg sind von Vancouver, Toronto und Montreal: wir schon gar nicht. Einmal Roethlisberger, bitte. Aber nur, solange Omeyer nicht wieder zu hexen beginnt.

Jens

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2 Antworten

27 08 2011
lefthog

Ich muss leider sagen, dass durch die zahlreichen “beschützt Brady, beschützt Manning – Regeländerungen” heute die QB-position die wichtigste Position im Mannschaftssport ist.
Es ist heutzutage unvorstellbar, dass ein Team den Superbowl erreicht ohne einen “ProBowl-Caliber” Quarterback. Ausnahmen vielleicht mal hie und da (siehe Rex Grossman und die Bears 2007) aber dann braucht es schon eine verdammt gute Defense und das letzte Team, dass den Superbowl mit einem NoName als QB gewann waren die 2000er Ravens, die meiner Meinung nach die beste Defense aller Zeiten hatten und das war noch vor den besten Zeiten von Brady und Manning (und die darauffolgenden Regeländerungen).

Die Meinung vom Handballtorwart kann nicht so teilen, weil der durchschnittliche Ersatz-TW nicht so viel hinterherhinkt wie der Backup-QB bei der NFL (auch wenn Matt Cassel etwas anderes behauptet, aber selbst er war 7 Siege schlechter anno 2008).

Wenn man nur ein einzelnes Spiel betrachtet, ist natürlich der Pitcher beim Baseball (bzw. genauer der Starting Pitcher) die wichtigste Position im Mannschaftssport. Der der aber nur alle fünf Tage ran darf, kann man ihn ausklammern (Roy Halladay und Co. hätten aber eine Erwähnung verdient gehabt).
[wie ist es eigentlich beim Bowler bezgl. Cricket? - von dem Sport hab keine Ahnung]

28 08 2011
ruedigerhajo

Zum Handballtorwart, ich versteh nicht warum alle immer meinen der Torwart wäre verrückt. Wenn ich die Wahl habe zwischen Ball ins Gesicht, stoßen in der Luft oder in den Wurfarm greifen, würde ich jedes mal den Ball ins Gesicht wählen. Ja alles drei schon selbst erlebt.
Beim Baseball läuft ja gerade auch die große Diskussion, man ist sich eigentlich einig, dass Justin Verlander den Cy-Young-Award als bester Pitcher bekommt aber man diskutiert intensiv ob man ihm auch bei der MVP-Wahl seine Stimme geben sollte.

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