Was von ESPN in Deutschland zu erwarten wäre

7 10 2011

Nichts geht leichter von der Hand, als an ESPN herumzunörgeln, selbst wenn man nur die abgespeckte europäische Version des Senders in Europa zum Maßstab nimmt: die teilweise schon unangenehme Nähe zu den Sportlern, über die man ja eigentlich kritisch berichten sollte (auf der anderen Seite: warum eigentlich?); die Selbstdarstellung der Moderatoren, vor allem der amerikanischen „Sportscenter“-Anchors, die sich wie Stars gerieren (und wieder: sind sie das nicht auch? Stuart Scott, Rich Eisen, Dan Patrick, um einmal einen Alteingesessenen und zwei Ehemalige zu nennen). Genau dieselben Argumente könnte man aber auch pro ESPN ins Feld führen, denn wie herrlich sind Athleten wie Falcons-Quarterback Matt Ryan, der sich für ein Sportscenter-Commercial  freiwillig Nerd-Sticker auf den Rücken pappen lässt (noch dazu von der unsäglichen Linda Cohn)? Oder Stephen King, der seine Obsession für die Boston Red Sox an gleicher Stelle naturgemäß nur teuflisch zu begründen weiß? Das „E“ steht nunmal für „Entertainment“ (der Rest für „Sports Programming Network“), und, da wird mir hoffentlich auch niemand aus der Dortmunder Südkurve widersprechen, das soll der Sport am Ende des Tages auch sein.

Und damit zu Steve Bartman.

Die Grundfesten: die Chicago Cubs haben seit 1908 in der amerikanischen Baseball-Liga nicht mehr den ganz Großen Preis gesichert, die World Series. „Loveable Losers“, so die allgemeine Einschätzung außerhalb Chicagos; dazu die historische Spielstätte Wrigley Field, gerne auch „Friendly Confines“ gerufen. Wahrscheinlich sogar in Chicago. Alles zwar erfolglos, aber doch recht gemütlich, sofern man nicht selbst mit Carlos Zambrano mitzittern muss. Das „Next Year will be Our Year“ sollte auf den Trikots eigentlich ebenso obligatorisch eingestickt sein wie das „Mes que un club“ beim FC Barcelona. 2003 war so ein „Next Year“: die Cubs wieder einmal in den NLCS, als Gegner die Florida Marlins, die nach allgemeinem Dafürhalten dort zum einen nichts verloren, zum anderen aber schon gar nichts zu gewinnen hatten. Spiel 6, achtes Inning, die Cubs führen im Spiel mit 3:0 Runs und in der Serie mit 3:2 Siegen. Florida hat noch fünf Outs und sich letztlich schon aufgegeben, hoher Pop-Up in Richtung Foul Territory, der Leftfielder der Cubs, Moises Alou, schickt sich an, den Ball zu fangen. Ebenso wie mindestens fünf Zuschauer auf der seitlichen Tribüne. Einer, Steve Bartman, berührt die Frucht, lenkt sie ab, sodass Alou mit leerem Handschuh dasteht. Kein Out, die Marlins gleichen nicht nur aus, sondern scoren insgesamt schlanke acht Runs im Inning, gewinnen Spiel 6 und dann gleich auch noch die World Series (Josh Beckett, Complete game @ Yankee Stadium; ein Highlight, bis heute).  As for Steve Bartman: persönlich dafür verantwortlich, dass die Cubs nicht nur weiterhin titellos dastehen, sondern schlimmer noch, dass die Fans des Teams zu glauben vorgeben, dass auf den Cubs ein Fluch lastet.

„Catching Hell“, so der Titel eines ESPN-Films über Bartman, der als Fortsetzung der „30 for 30“-Reihe letzte Woche auch bei uns gezeigt wurde. Ganz abgesehen davon, dass der deutschsprachige Sportfilm grundsätzlich nicht existiert (mit Ausnahmen, z.B. „Ein Tag im September“), Vergleiche also nicht möglich sind, muss man, zumindest ich, wieder einmal konzedieren, dass die Amerikaner oft sehr genau wissen, was sie mit ihrer Leidenschaft für den Sport so produzieren. Im gegebenen Fall ganz großes TV-Kino zum Beispiel. Was hier aber gar nicht der Punkt sein soll, vielmehr die kleine Fußnote, dass neben Bartman auch Bill Buckner, der bis zu einem Spiel in den World Series 1986 hoch angesehene First Baseman der Red Sox, zu Wort und ins Bild kommt. Und im interessierten Zuschauer die Frage keimen lässt: wo sind eigentlich die großen, tragischen Helden des deutschen Sports? Wo ist der Spieler, dessen Faux-Pas noch Jahre später als der Wendepunkt einer bis dahin formidablen Erfolgsgeschichte zu werten ist? In other words: wo sind die Dramen, die unerfüllten Versprechen, die nicht gewonnenen Titel, die einem Jahre später noch im Magen liegen? Einen hätte ich in der Vorderhand, kommt auch gleich, aber da drängt sich auch schon der Österreicher vor: so man die Formel 1 als Sport akzeptiert, ist das Trauma der jungen Jahre immer noch nicht verarbeitet, dass Jochen Rindt 1970 nur posthum Weltmeister geworden ist, nachdem es seinen Lotus in Monza zerlegt hat. Und, auf einer viel kleineren Skala, aber weil persönlich bekannt,  das Schicksal vom Stering Sepp, der als einer der großen Protagonisten der WM-Quali für Argentinien 1978 ein paar Wochen vor der Endrunde eher unschön niedergemäht wurde und die Spiele, Cordoba nicht ausgenommen, daheim vor dem Fernseher verfolgt hat.

Jeder Sportfan in den USA weiß, was Bill Buckner so angestellt hat (in kurzen Worten: die Misere der Red Sox Fans bis 2004 verlängert; auch wenn er das nämliche  Spiel nicht alleine verloren hat), kann mit dem Namen Bartman zumindest tendenziell etwas anfangen, aber kaum bekommt man hierzulande Oliver Kahns Namen entgegen gebrüllt, möchte der geneigte Sympathisant sofort „Titan“, „Champions League Sieger“, et. al. zurückplärren. Wo doch „Verlierer des WM Endspiels 2002“ ebenso passend wäre. Zugegeben: ohne Kahn hätten es die Deutschen niemals bis ins Finale geschafft, aber wenn er den harmlosen Schuss von Rivaldo nicht nach vorne abklatschen lässt, gewinnt Deutschland das Finale im Elferschießen. Schon erstaunlich aber, wie die deutschen Medien den Fehler totgeschwiegen haben, und noch interessanter die Frage, ob das genauso passiert wäre, hätte Jens Lehmann oder ein anderer, auch nicht mit der FCB-Mediapower gewappneter, Mann das Tor gehütet. Aber sonst? Vielleicht Michael Kutzops Elfer gegen die Bayern 1986? Ah, doch! Die Meister der Herzen, Schalke anno 2001. Mit der dubiosen und bis heute nicht erklärbaren Aktion von Herrn Schober, ehemals Schalke, der ohne Not den Bayern in der Nachspielzeit einen Freistoß geschenkt hat. Aber Verschwörungstheoretiker finden im deutschen Sport keinen nahrhaften Boden.

Der große Kabarettist Josef Hader hat die Situation seiner Zunft nach dem Zweiten Weltkrieg folgendermaßen beschrieben: „Die Politiker waren angesehen und die Fußballer haben gut gespielt. Es war unheimlich schwer, Themen zu finden.“ ESPN hätte also eine große Aufgabe vor sich in Deutschland (außer man stürzte sich in die politische Landschaft).  Ob man den Titan anpacken würde? Vielleicht. Aber eher nicht: nur selten gehen die Kollegen dorthin, wo es wirklich ganz weh tut. Kritische Worte (und da wären sie nun wirklich angebracht) über Lance Armstrong sind nicht überliefert. Keine Überraschung, dass der neuerdings als Kolumnist auf espn.com fungiert. Moises Alou kommt in „Catching Hell“ übrigens auch zu Wort. Und hat acht Jahre später nun die Meinung geformt, dass er den Ball gefangen und die Cubs darob gewonnen hätten. Über den Fielding Error von Shortstop Alex Gonzalez, der ebenfalls zum gewünschten Out geführt hätte, sprechen heute nur noch ganz wenige. Wäre auch nicht ganz so tolles TV.

Jens

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US Open – Finale Zwischenbilanz

7 09 2011

Nick Bollettieri ist ein kleiner Mann, zumal einer von 80 Jahren.  Gut, der Tennisfan, der den Ex-Trainer von André Agassi nur von Bildern kennt, hatte ihn sich ohnehin nie als einen Kerl mit der Statur von Marat Safin (remember?) vorgestellt, aber so von Angesicht zu Angesicht: kann es tatsächlich sein, dass dieser nette, ältere Herr dereinst ein derart berüchtigtes Regiment in Florida geführt hat, ja, immer noch führt, nämlich höchst selbst? Man weiß es nicht, die Quellenlage ist hier eher widersprüchlich. Was man feststellen kann: Nick Bollettieri ist ein Vollprofi, was mit der Herkunft seines Reisepasses zu tun haben mag. Denn nicht jeder, dem sich der nicht akkreditierte Reporter aus Deutschland nähert, reagiert auf harmlose Fragen mit einer geschätzten Antwortlänge von weniger als zwei Minuten aufgeschlossen und professionell. An dieser Stelle will ich keine Namen nennen, aber wenn man auf einen nicht-deutschen, jedoch deutschsprachigen Doppel-Wimbledon-Sieger der letzten Jahre tippt, liegt man sicher nicht falsch.

Aber: zum Glück gibt es Patrik Kühnen. Zum Beispiel. Patrik Kühnen verfolgt jedes Spiel seiner Teilzeit-Pappenheimer aus der Coaches-Box, ob er zur taktischen Spielvorbereitung beiträgt, ist nicht bekannt, wäre aber eine interessante Frage gewesen. Auf die der Daviscup-Captain sicherlich geantwortet hätte. Auf so viele Fragen deutscher Journalisten musste Kühnen aber wohl gar nicht eingehen, zumal das ZDF erst Ende der ersten Woche erahnt hat, dass erstaunlich viele germanische Spielerinnen noch im Bewerb sind. Beim Match von Angelique Kerber gegen Monica Niculescu hat man jedenfalls erstmals einen mit orangefarbenem Mikro bewaffneten Reporter ausgemacht. Als Turnierdirektor von München, ehemaligem Daviscup-Sieger, Doppel-Partner von Boris Becker ist Patrik Kühnen natürlich auch die Diplomatie nicht fremd. Auf meinen zarten Hinweis, dass angesprochene Frau Kerber athletisch noch Luft nach oben hat, konnte man seinem weisen Lächeln ansehen, dass er froh darüber ist, dass sich seine Kollegin Barbara Rittner darum kümmern muss.

Tickets für das große Stadion in der ersten Woche sind ein Luxus – den man nicht braucht. In diesem Jahr hat das Los Partien zusammengewürfelt, die die These von der Ausgeglichenheit des Männertennis ziemlich ad absurdum geführt haben: Federer gegen Sela, Djokovic gegen Berloq, das war kein Must-See-Tennis. Am ehesten noch Nadal gegen Nalbandian, wenn auch nur einen Satz lang. Im Louis Armstrong dagegen die beiden Highlights der ersten Woche: Ferrero schmeißt Monfils raus, und der Geheimfavorit aller Experten, Juan Martin del Potro, verliert ein großartiges Match gegen Gilles Simon im Tie-Break des vierten Satzes.  Petzschners Erstrundensieg gegen Ramos auf Platz 15 hat nicht nur die Deutschen erfreut, sehr wohl aber die Gala von Flo Mayer in der ersten Runde gegen den Franzosen Mannarino. Gut, von Erstrundensiegen wird man in den nächsten Generationen nicht mehr schwärmen, vor allem, wenn Ferrer der deutschen Nummer 1 in Runde Drei früh und schmerzhaft den Zahn gezogen hat.

Damentennis, anybody? Folgendes: es sagt nichts Gutes über den Sport aus, wenn eine Spielerin ein Jahr lang nicht spielt, in Wimbledon bei ihrem ersten Turnier weit kommt, und seither auf Hartplatz kein Spiel verloren hat. It´s Serena´s tournament to loose. Sabine Lisicki: gut, selbstbewusst, aber nicht gut genug. Möglicherweise noch. Andrea Petkovic (und Julia Görges, for that matter): im wirklichen Leben erstaunlich groß gewachsen, quasi die Antithese zum alten Nick. Vom Spiel her beide dynamisch, aber ohne Variation (Petkovic) und nicht mehr so selbstbewusst wie z.B. noch in Stuttgart (Görges).

Von den Damen zum Essen. Kein weiter Weg. Es ist so: bei den Herren gibt es den angesprochenen Nalbandian und Stan Wawrinka aus der Schweiz, die nicht hundertprozentig geschmeidig daherkommen. Das war´s dann aber auch. Bei den Damen können wir ganz oben anfangen, nämlich bei der Nummer 28 des Turniers, und dann gleich auf deren Viertelfinale gegen Pavlutchenkova zu sprechen kommen. Und bei Kerber weitermachen. Was ich nicht verstehe: wenn mir der Herrgott und/oder die genetische Basis meiner Eltern das Talent mitgegeben hat, exzellent auf den gelben Ball zu dreschen, dann muss ich doch bitteschön danach trachten, dass ich meine Hausaufgaben mache und nicht aus Undiszipliniertheit meinen Gegnern von vornherein einen Vorteil einräume. Petkovic, Görges haben das kapiert. Auf der anderen Seite denkt sich Serena natürlich: who fucking cares? I´ll blow them away anyway. Für den Zuschauer gilt: für viel Geld wenig gutes Essen. Das aber in überwältigend vielen Variationen. Der Favorit nach sieben Tagen im National Tennis Center: Pannini Caprese, für schlanke 12 USD ist man dabei. Wareneinsatz: 96 Cent.

Zum Abschluss noch ein Profi: Christopher Russo, die sympathischere Hälfte von „Mike and the Mad Dog“, der Radio-Sport-Show der letzen beiden Dekaden, die es seit nunmehr drei Jahren nicht mehr gibt. Mad Dog labert nun für Sirius, unter anderem auch über Tennis, was Mike immer ein Grauen war. Die zweistündige Live-Schalte vor dem Arthur Ashe Stadium war jedenfalls deutlich unterhaltsamer als das Erstrundenspiel von Maria Scharapowa in eben jenem. Und: unter dem Stichwort „Berührungsangst“ wird man im Duden kein Bild von Mad Dog Chris Russo finden (so der Duden denn Bilder hätte): Interviewfragen werden tendenziell gerne mit dem Arm um die Schulter beantwortet. Wie auf der anderen Seite auch von  Patrick McEnroe, dem kleinen Bruder des großen John. So weit würde Patrik Kühnen natürlich nicht gehen. Zu Recht.

Nick Bollettieri übrigens haben wir nicht interviewt. Das Foto ist aber bildschön geworden.

Jens, der Tennis-Nerd





„Kundschaft!“

2 09 2011

Kommentator mag für den ein oder anderen ein Traumjob sein. Und klar- es macht natürlich Spaß, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann. Wenn man allerdings in dem Wahn lebt, man müsse bei allen und jedem beliebt sein- ja, dann sollte man lieber etwas anderes machen. Denn einhundertprozentige Zustimmung ist in unserem Job schlicht und einfach unmöglich zu erreichen. Wenn ich also nach irgendeinem x-beliebigen Spiel, das ich kommentiert habe, im Internet nach Reaktionen suchen würde, dann würde ich auch immer jemand finden, der es mies fand. Aus welchem Grund auch immer.

Beispiel: Ich habe am Sonntag für Sky Manchester United gegen Arsenal kommentiert. Ein klassisches Top 4- Duell aus der Premier League, die Sorte Spiel, für das ich in der Vergangenheit nur sehr selten eingeteilt wurde. Zu diesem Thema schreibt dann User „Jobek“ im Digital Fernsehen Forum: „also der Andreas Renner ist für mich definitiv kein Topspiel-kommentator.“(sic). „Jobek“ war also nicht glücklich mit mir. Schade, kann ich da nun sagen, mehr aber auch nicht. Für mehr fehlt nämlich nach dem „–kommentator“ das Komma und der anschließende Relativsatz, der mit „weil“ beginnt.

Was Zuschauerreaktionen angeht, bin ich allerdings durch eine harte Schule gegangen und ziemlich abgehärtet. Als ich nämlich vor ca. 15 Jahren (nach ein paar Monaten als Kommentator von „Sunday Night Football“ bei DSF Plus, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit) erstmals im regulären DSF ein Spiel mit dem Kollegen Michael Lang (so lange ist das schon her) kommentieren durfte, da gab es direkt nach der Sendung sofort Zuschauerfeedback. Per Fax (ja, so lange ist das her). Und da schrieb einer über mich: „Den neuen Co-Kommentator könnt ihr sofort wieder in die Wüste schicken.“ Nach diesem Erlebnis kann mich wirklich nur noch wenig schocken.

Auch nicht folgende kleine Episode: Zu seligen NFL Europe-Zeiten (das ist auch schon verdammt lange her), bin ich zufällig über eine Internetseite gestolpert, auf der sich ein Rhein Fire-Fan sehr ausführlich über meinen angeblich parteiischen Kommentar eines Spiel zwischen Fire und Frankfurt Galaxy echauffierte. Ich habe mir den Text interessiert durchgelesen, mich gewundert, was ich da so alles erzählt haben soll, bis es mir dämmerte: dieses Spiel hatte ich gar nicht kommentiert. Also informierte ich den Betreiber der Website über seinen Irrtum (etwas Schadenfreude war dabei),  und darüber dass dieses betreffende Spiel vom Kollegen Florian Berrenberg kommentiert worden war. Seine Reaktion: nun, er tauschte meinen Namen gegen den des Kollegen Berrenberg aus. Und das war’s. Keine Entschuldigung an mich, keine Richtigstellung auf seiner Seite, nichts.

Tja, da kann man nun die Augen gen Himmel verdrehen und „Zuschauer!“ seufzen (etwa wie ein Supermarktleiter „Kundschaft“ stöhnen würde) und in Zukunft nie wieder irgendetwas ernst nehmen, was es an Publikumsreaktionen gibt. Glaubt mir, ganz viele meiner Kollegen machen das auch tatsächlich genau so. Weil wir Kommentatoren (und die Schiedsrichter) für viele Sportfans vor allem die Blitzableiterfunktion haben: Die eigene Mannschaft spielt Mist, irgendeiner muss Schuld sein. Warum also nicht der Kommentator?

Trotzdem: Ich finde, so einfach sollte man es sich nicht machen. Schließlich lebe ich nicht in dem Wahn, dass bei mir jeder Spielkommentar sensationell und nicht zu verbessern sei. Mein Freund Thomas hat mal gesagt: „Das Schwierige ist doch, bei den Publikumsreaktionen abzuwägen, was sinnvolle Kritik und was nur Blödsinn ist.“ Und genau das ist die Frage: Was nimmt man ernst und wo zuckt man nur die Schultern und sagt: „Na ja, wenn er meint.“?

Mit meiner jahrelangen Erfahrung in diesem Bereich habe ich mal zwei Kriterien zusammengestellt, die konstruktive Kritik von schlichtem Frustabbau unterscheiden. Also bitte, wenn ihr demnächst nicht nur nörgeln, sondern gehaltvoll kritisieren wollt:

Erstens, macht Euch die Mühe, den Namen des Kommentators, den ihr kritisiert auch zu erwähnen (also nicht: „Der Sky-Kommentator heute mal wieder unterirdisch“). So viel Respekt kann man verlangen. Und dann: bemüht Euch, den Namen richtig zu schreiben. Nicht lachen, das scheint gar nicht so einfach zu sein.

Zweitens, vergesst den Relativsatz nicht. Das Warum ist das entscheidende, und zwar bei Lob und Kritik. „Du bist Super!“ liest sich zwar angenehmer als „Du bist Scheisse!“, ist aber inhaltlich ähnlich gehaltvoll. Wenn ihr dem betreffenden Menschen nicht sagt, was euch gefällt (oder auch nicht), weiß er ja nicht, was genau er bitte weitermachen oder ändern soll.

Drittens, natürlich dürft ihr auch weiterhin gerne wüst schimpfen und beleidigen. Anonym, deftig und gnadenlos. Nur: erwartet bitte nicht, dass ihr dann ernst genommen werdet.

Tja, und nun verweise ich auf die revolutionäre, einmalige, fantastische Kommentarfunktion in diesem Blog. Ihr seid alle eingeladen, euch Gehör zu verschaffen. Auch „Jobek“, der gerne den vergessenen Relativsatz nachliefern darf.

Bis dann,

Andreas





Living In The Past

27 08 2011

Fußballfans leben oft in der Vergangenheit. Als ich am ersten Zweitliga-Spieltag der neuen Saison das Spiel KSC gegen den MSV Duisburg kommentierte, da hielten Hardcore-Fans der Gastgeber vor Anpfiff eine Choreographie in die Höhe. Zu sehen war ein jubelnder KSC-Spieler, dahinter eine Anzeigentafel, auf der Karlsruhe – Valencia 7:0 zu lesen war. Und der Schriftzug dazu lautete in etwa: „Wir haben einen Traum“. Ja Jungs, immer gut, wenn man Träume hat, die nicht gar so realitätsfern sind. Mal ehrlich, der KSC ist in der Vorsaison am Abstieg in die dritte Liga haarscharf vorbeigeschrammt, hatte definitiv nicht viel zu jubeln und die Anzeigentafel ist aktuell auch kaputt.

Aber die Karlsruher Fans sind sicher nicht die einzigen, die den einen herausragenden, den größten Moment der Vereinsgeschichte herauspicken und den dann praktisch zum Maßstab all dessen machen, was aktuell passiert. Der Mannschaft und dem Trainer nützen diese Träumereien nichts, sie schaden sogar. Weil die Erwartungen immer zu hoch sind.

Aber: wenn die Gegenwart gemessen am eigenen Anspruch eher bescheiden ausfällt, dann muss man eben in der Vergangenheit leben. Dieses Phänomen nennt man dann Traditionsbewusstsein. Klubs, die aktuell gerade erfolgreich sind, müssen das nicht tun. Der FC Bayern etwa hat es gar nicht nötig, auf den Erfolgen der Vergangenheit herumzureiten und sich dauernd als „Traditionsklub“ zu feiern. Schließlich holt man ja in schöner Regelmäßigkeit neue Titel.

Trotzdem, Tradition gilt vielen als das höchste Gut im Fußball. Unterschreibt ein Trainer bei einem neuen Klub, lobt er umgehend die tolle Tradition, an die er anknüpfen will (okay, außer er wechselt zu RW Ahlen). Will ein Verein richtig viel Geld verdienen, dann lässt er neue Trikots entwerfen, die entweder an früher erinnern, oder er sorgt dafür, dass wichtige Namen oder Zahlen aus der Klubvergangenheit ins Design eingearbeitet werden. Die Fans danken es ihm an der Kasse des Shops. Genau diese Fans nämlich hüten Traditionen wie ihren Augapfel, Veränderungen werden kritisch begutachtet und nirgends gilt der Leitsatz „Früher war alles besser“ so sehr wie auf der Fantribüne eines Fußballklubs.

Ich hingegen tue mir etwas schwer damit, Kriterien festzulegen, wonach Klub A ein Traditionsverein ist und Klub B nicht. Über Greuther Fürth zum Beispiel wird selten geredet, wenn es um Traditionsklubs geht. Aber bitte, die waren immerhin drei Mal deutscher Meister, auch wenn das schon eine Weile her ist. Hat Tradition also ein Haltbarkeitsdatum? Nach dem Motto: länger als 50 Jahre her zählt nicht? Sind Meisterschaften oder Titel im Allgemeinen Merkmale eines Traditionsklubs? Ein Blick auf die aktuellen Zweitligisten zeigt uns: Die Traditionsklubs St. Pauli, Aachen, Bochum, Duisburg und Union Berlin können genauso viele Meistertitel vorweisen wie die Nicht-Traditionsklubs Paderborn, Ingolstadt oder der FSV Frankfurt. Nämlich gar keine. Reicht es also auch einfach nur möglichst lange in der ersten oder zweiten Bundesliga gespielt zu haben?

Wie dem auch sei, ich kann Euch versichern, im zynischen Fernsehgeschäft regiert ebenfalls die Tradition. So war es nicht ungewöhnlich, dass ein Kollege z.B. zum Aufstiegskampf der dritten Liga in der Vorsaison sagte: „Ich hoffe, dass es Dresden schafft. Das ist wenigstens ein Traditionsverein. Wehen-Wiesbaden braucht doch keiner in der zweiten Liga.“ Zitat Ende. Und in den Fankurven dieses Landes muss man für einen solchen Satz keine Prügel fürchten (außer vielleicht in Wiesbaden, aber sogar da bin ich mir nicht sicher). So denken nämlich viele selbsternannte Traditionalisten, die viel Wert darauf legen, dass der Fußball echt und rein bleibt und nicht von Kunstprodukten wie Leverkusen oder Hoffenheim verschandelt wird. Was ich mich frage: Wie lange muss eigentlich Leverkusen in der ersten Liga spielen, um als Traditionsverein durchzugehen? Reicht es, irgendwann mal deutscher Meister zu werden? Oder liege ich mit meiner Vermutung richtig, dass Leverkusen NIE ein Traditionsverein wird, egal wo sie spielen und was bzw. wieviel sie gewinnen?

Wie Ihr seht, nicht alles an diesen Traditionsgesetzmäßigkeiten ist für mich so richtig nachvollziehbar. Und vollkommen fassungslos machen mich dann Aussagen (von zynischen Fernsehkollegen) wie diese: „Paderborn gegen den FSV Frankfurt (in Liga 1 könnte man auch Augsburg gegen Hoffenheim einsetzen) will doch keiner sehen.“ Die Tatsache, dass in dieser Saison Paderborn und der FSV Frankfurt gegeneinander spielen ist nämlich die Konsequenz der tollsten Fußballtradion überhaupt. Der sportlichen Qualifikation nämlich. Man darf auch Auf- und Abstieg dazu sagen. Diese fantastische Tradition sorgt nämlich dafür, dass nur die aktuell besten Klubs in der ersten und zweiten Liga mitspielen dürfen. Und alle, die nicht gut genug sind, steigen eben ab. Verhindern ließe sich das nur dadurch, dass man Auf- und Abstieg abschafft, Franchises vergibt und den Spielbetrieb nach US-Sport-Vorbild organisiert. Und das ist ja wohl das schlimmstmögliche Grauen überhaupt für einen Fußball-Traditionalisten.

Ich weiß, viele Fußballfans halten ein Spiel Fortuna Köln gegen Rot-Weiss Essen für attraktiver als Paderborn gegen den FSV. Ist okay, aber jeder, der das tut, soll sich bitte nicht mehr „traditionsbewusst“ schimpfen. Fortuna und RWE sind aktuell nämlich genau dort, wo sie aufgrund der Arbeit ihrer Vereinsführungen hingehören. Weit weg nämlich von Liga 1 und 2. Und bitte, wenn die Herrschaften ihre Angelegenheiten in Ordnung gebracht und die sportliche Qualifikation zur zweiten Liga geschafft haben, dann bin ich der erste, der sie mit offenen Armen empfängt. Und bis dahin bleibe ich ganz Traditionalist und freue mich über Paderborn und den FSV Frankfurt.

Andreas





Die wichtigste Position im Sport

18 08 2011

Peyton Manning ist 35 Jahre alt. Peyton Manning leidet im Moment unter einer Genickverletzung, die seinen Einsatz beim Start der NFL Saison am 11.9. bei den Texans als zumindest fraglich erscheinen lässt. Und: Peyton Manning hat von seinem Team, den Indianapolis Colts, gerade einen Vertrag über die nächsten fünf Jahre bekommen, dotiert mit 90 Millionen Dollar. Warum? „Most important position in sports“, um mal wieder Dan LeBatard zu zitieren. Wirklich? Ist der Quarterback, der erfolgreiche wie Manning zumal, der MVP unter allen Mannschaftssportlern? Oder geht mit den amerikanischen Freunden da wieder einmal der nationalistische Gaul durch, wo doch Football King ist, in allererster Linie, weil der Fantasy Football in den USA unfassbare Ausmaße angenommen hat?

Eine akademische und, wie so oft, sinnfreie und vor allem subjektive Diskussion, die sich da anbahnt. Denn wie will man die Wichtigkeit eines Spielers für seine Mannschaft bewerten?  Pekuniär? Das funktioniert zumindest innerhalb der NFL gut, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Regeln der Draft Position und des damit verbundenen Gehalts. So gesehen z.B. 2009 mit Matthew Stafford, der von den Detroit Lions ein letztlich garantiertes Gehalt von knapp 50 Millionen Dollar, im Gesamten sogar 78 Millionen für einen 6-Jahres-Vertrag bekommen hat. Als Rookie, der noch keinen Snap in der NFL gespielt hat. Natürlich besetzt auch Stafford  die QB-Position, aber ist er schon in Jahr 1 tatsächlich der wichtigste Mann auf dem Feld für die Lions? Der Hoffnungsträger, das ja.  Und Hoffnung ist  etwas, das die Fans und die Teambesitzer in der Regel gewillt sind zu honorieren. Peyton Manning hat die Hoffnungen in Indy über Jahre nicht nur geschürt, sondern, in der regulären Saison, auch erfüllt.

Auf der anderen Seite: Santonio Holmes, David Tyree. Zwei Spieler, die ihren Teams zu einem guten Teil den Super Bowl gewonnen haben  – mit unglaublichen Catches. Holmes mit einem Touchdown für die Steelers gegen Arizona, Tyree mehr mit Helm als den Händen im winning drive für die Giants gegen New England. Von James Harrison´s  Interception gar nicht zu reden. Der Quarterback braucht also Hilfe – wie jeder andere Mannschaftssportler auch.  Aber aus meiner Sicht fast ein bisserl zu viel, um ihn wirklich als den wichtigsten Spieler im Teamsport  zu adeln. Die Relation zwischen Position und Gehalt ist allerdings tatsächlich nur in der NFL derart zugespitzt auf eine Planstelle: Alex Rodriguez würde von den Yankees seine durchschnittlich knapp 30 Millionen Dollar pro Jahr auch bekommen, wenn er anstelle von Third Base auf die erste wechseln oder Derek Jeter als Shortstop erlösen würde. Und in der NBA hat der Center in der Regel dieselben Chancen auf das große Geled wie der Power Forward.

Klaus Finder, ehemals Torwart der österreichischen Handball-Nationalmannschaft (bitte kein Wehklagen aus deutschen Landen: die beiden Bundesligen – kein Vergleich, andere Sportart. Die beiden Nationalteams: schon sehr viel knapper.) , Klaus Finder also, eigentlich zu schlau für eine Position, bei der man mit schöner Regelmäßigkeit einen recht harten Ball recht schnell an die Stirn gehämmert bekommt, hat mir einmal erzählt, dass in seinen guten Spielen irgendwann der Moment eingetreten ist, wo er die Gegenspieler „auf süß hat“. Übersetzt: er hat geahnt, nein, gewusst, wo der Gegner den Ball hinwerfen wird. Und das Beste daran: der nämliche Gegner hat es auch gewusst.  Soll die Debatte nun am Ende darauf hinauslaufen, dass der Torwart, zumal der im Handball, tatsächlich die wichtigste Position im Sport bekleidet? Natürlich nicht – allein. Ich nehme auch noch den Eishockey-Goalie dazu.

Beispiel: Thierry Omeyer, der unglaubliche Torwart des THW Kiel, hat in der abgelaufenen Saison (2010/11) 11,33 Bälle pro Spiel gehalten. In der Saison davor waren es noch 12,67. 1,3 Bälle abgewehrt pro Spiel, kein großer Unterschied? Vielleicht nicht, aber eher schon. Denn mit der Parade ist es ja nicht getan; aus der Abwehr entwickelt sich ein Gegenstoß, aber noch wichtiger: Omeyer in Bestform war immer ein Momentum-Changer, jemand, der besser als jede Auszeit den Schwung der Gegner bremsen kann. Hat Omeyer dafür auch die Herren Karabatic und Kavticnik gebraucht? Natürlich, ist ja ein Mannschaftssport. Und mit den beiden Letztgenannten hätte es vielleicht auch im letzten Jahr zum Titel in der Bundesliga gereicht, trotz der 1,3 Paraden weniger.  Der Anteil eines guten Handballtorwarts am Gesamterfolg der Mannschaft mag vielleicht nicht so klar zu beziffern sein wie jener des Quarterbacks, die Wichtigkeit für das Team scheint mir aber mindestens gleich hoch. Johannes Bitter, der Torwart des neuen Meisters HSV Hamburg und der deutschen Nationalmannschaft, hat übrigens seinen Paradenschnitt im angesprochenen Zeitraum um eine pro Spiel verbessert – auf knapp 10. Omeyer eine weniger, Bitter eine mehr: zwei Tore Unterschied in den Spielen zwischen Kiel und Hamburg, die bekanntermaßen Spitz auf Knopf sind.

Noch ein Wort zum Eishockey. Da gibt ja sogar der geneigte amerikanische Sportsfreund gerne zu, dass der „heiße Tormann“ den Stanley Cup holt, zumal bei der großen Ausgeglichenheit den NHL-Playoffs. Vor drei Spielzeiten war das Marc-André Fleury für die Penguins, ein Jahr später Jaroslav Halak für die Canadiens (hat „nur“ für´s Endspiel gereicht) und in der abgelaufenen Saison Tim Thomas von den Bruins. Aber niemand außerhalb Kanadas wird allen Ernstes behaupten, dass der der hot Goalie wichtiger wäre als der lauwarme QB. Und nachdem wir ziemlich weit weg sind von Vancouver, Toronto und Montreal: wir schon gar nicht. Einmal Roethlisberger, bitte. Aber nur, solange Omeyer nicht wieder zu hexen beginnt.

Jens





Das Handwerkszeug des Kommentators

8 08 2011

„Die Namen von Fußballspielern korrekt auszusprechen gehört zum grundlegenden Handwerkszeug eines Kommentators.“ So sagte es der Kollege Marcel Reif einst auf einer Veranstaltung vor den versammelten (damals noch) Premiere-Kommentatoren. Klar, denkt man da, Recht hat er. Nur birgt das Umsetzen dieses eigentlich simpel anmutenden Ratschlags ungeahnte Risiken. Denn beim Versuch, Fußballernamen aus aller Herren Länder korrekt auszusprechen, landet man sehr schnell in einer Sackgasse. Und fragt sich: Was ist eigentlich Richtig und was Falsch?

Nehmen wir doch nur ein Beispiel vom vergangenen Wochenende. Da hatte ich es mit der Spielvereinigung Greuther Fürth zu tun. Die haben im Sommer einen neuen Stürmer namens Olivier Occean von Kickers Offenbach verpflichtet. Verwundert hat mich, dass der Vorname des Kanadiers offensichtlich französisch ist, sein Nachname aber englisch, wie der Ozean, ausgesprochen wird. Also rief ich Christian Bald, den Fürther Pressesprecher, an, um mich rückzuversichern. Und der erzählt mir folgende Geschichte: Occean sei  Frankokanadier, sein Nachname wird eigentlich französisch, also ungefähr Oh-seh-oh, ausgesprochen. Nun ist der gute Olivier aber viel in der Welt herumgekommen und hat offenbar festgestellt, dass sich die meisten Menschen mit der englischen Version seines Namens leichter tun als mit der französischen. Und weil er ja ein netter Mensch ist, bittet er uns nun, seinen Nachnamen doch bitte englisch auszusprechen. Also Oh-schen. Bitte, den Gefallen können wir ihm tun. Aber sprechen wir damit seinen Namen richtig aus oder nicht?

Anderes Beispiel: Der Kollege Marcel Meinert hatte es am vergangenen Wochenende mit Energie Cottbus zu tun. Und netterweise informierte er mich, dass die Cottbuser darum bitten würden, ihren Spieler Roger in Zukunft nicht mehr englisch, also „Rodscher“ auszusprechen, sondern französisch, wie „Ferrero Rocher“, nur ohne Ferrero. Womit Roger sozusagen der Anti-Occean ist. Er hätte nämlich gerne die französische Version.

Die Wahrheit ist ja, Cottbus hatte das vor der vergangenen Saison schon einmal versucht. Auf der Energie-Ausspracheliste (ja, so etwas gibt es) stand Roger damals schon als „Roscher“, was man mit viel Phantasie als französische Version von Roger durchgehen lassen kann. Und ich habe ihn brav „Rocher“ genannt, aber ziemlich schnell festgestellt, dass offenbar niemand außer mir auf diese Ausspracheliste geschaut hat. Inklusive Pele Wollitz, der seinen Spieler konsequent „Rodscher“ nannte. Irgendwann im November habe ich dann aufgegeben und wieder „Rodscher“ gesagt, wie alle anderen auch. Schließlich will man sich ja nicht lächerlich machen. Roger wünsche ich allerdings viel Glück beim Versuch, die französische Version seines Namens diesmal durchzusetzen. Junge, ich bin bei Dir und werde brav „Rocher“ sagen. Bis ich dann im Oktober oder so feststelle, dass ich der einzige bin. Und dann heißt Du eben wieder „Rodscher“. Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Denn wenn man der einzige ist, der einen Spielernamen korrekt ausspricht,  ist das nicht lustig. Oder eben doch. Aber nur für die anderen. Schließlich lachen die Fußballfans heute noch über den öffentlich-rechtlichen Kollegen (nagelt mich nicht fest, aber ich glaube es war Thomas Wark), der den portugiesisch/brasilianischen Verteidiger Pepe „Pepp“ aussprach. Was möglicherweise völlig korrekt war. Aber alle anderen machten es eben anders und Wark (oder wer auch immer) war die Lachnummer. Auch Rolf Töpperwien setzte sich einst in die Nesseln mit der Erkenntnis, dass der Hannoveraner Leon Andreasen weder „Andreah-sen“ noch „Andreh-sen“ (beide Versionen waren im Umlauf, aber das ist ein anderes Thema), sondern „Andröh-sen“ ausgesprochen werde. Was war das ein Gelächter bei den Fußballfans dieses Landes. Noch heute erntet man todsichere Lacher, wenn man in eine Konversation unter Fußballkennern ganz cool einen „Andröh-sen“ einfließen lässt. Nur: Was wenn Töpperwien Recht hatte?

Ihr seht, das Thema ist diffizil. Neulich berichtete mir mein Freund Olaf, dass sich seine Frau Paula, die aus Polen stammt, bei einer Champions League-Übertragung darüber beschwert habe, dass der Kollege Marcel Reif den Arsenal-Torwart Szczesny den ganzen Abend „Dschesnie“ ausgesprochen habe. An dieser Stelle sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie ihr mit den Schultern zuckt und „na, und?“ murmelt. Also, laut Paula ist die korrekte Aussprache für diesen Nachnamen (ehrlich gesagt, ich tue mir schon schwer, den Namen korrekt zu schreiben) ungefähr „S-dschuh-oh-sny“. Oder so ähnlich. Und es kommt noch dicker. Arsenals zweiter Keeper ist ebenfalls Pole und heißt Lukasz Fabianski. Den Vornamen aber müsste man eigentlich nicht „Lukasch“, sondern „Uh-okasch“ aussprechen. Und das Ganze konsequenterweise dann beim Herrn Podolski genauso machen.

Tja, da stürzen Welten in sich zusammen, oder? Eins sei aber noch erwähnt: Stellt Euch vor, ein Japaner reist nach Deutschland und fragt drei Menschen, wie man denn Schweinsteiger korrekt ausspricht. Einen in Bayern, einen im Rheinland und den dritten in Hamburg. Was meint ihr, kommt da dann dreimal das Gleiche heraus?

So oder so: manche Wahrheiten sind für die deutsche Fußballöffentlichkeit einfach zu verstörend. Die Erfahrung haben der Kollege Gaupp und ich vor einigen Jahren gemacht. Da haben wir nämlich den Liverpooler Dirk Kuyt holländisch korrekt „Kaut“ ausgesprochen. So wie es die Engländer übrigens auch tun. Bis wir von unserem Chef gebeten wurde, doch bitte wie alle anderen „Koit“ zu sagen, weil das in Deutschland so gelernt sei. Und so sprechen wir Dirks Namen nun also bei vollem Bewusstsein falsch aus. Nur damit wir uns nicht aus der Masse abheben. Wir pfeifen also bewusst auf unser Kommentatoren-Handwerk. Ist vielleicht auch besser so. Denn wenn Dirk nicht „Koit“ sondern „Kaut“ heißt, dann heißt Johan auch nicht „Kroiff“, sondern „Krauff“. Und dafür ist Deutschland definitiv noch nicht bereit.

Andreas





Murray, die Mutter

25 06 2011

Es ist über die Frauen zu reden. Und Paul Annacone, zum Beispiel.

 

Vorgestern zu Gast in der königlichen Loge zu Wimbledon: die Federers.  Mutti, Vati, Mirka. So muss es, so darf es sein, Mirka hält dem Maestro seit Sidney 2000 das Händchen, letzteres ziert ein Ehering, das Recht, Enthusiasmus vorzutäuschen, hat sie sich redlich erworben. Es spricht für Frau Federer, dass sie selten davon Gebrauch macht. Einen Tag später ein Blick in die Murray-Loge: die Frau Mama ist zugegen, und auch wenn man nicht für viel Geld von eben dieser adoptiert werden möchte, so hat auch Mutter Murray das Tal der Tränen und ungezählte Tenniscourts in Großbritannien durchschritten, bevor sie hier ihren Sohn zurecht bejubelt. Aber was ist mit der bezaubernden Dame zu ihrer Linken (die gemäß Herrn Stach den Andy so toll erdet)?

 

Ohne nun die Suchmaschine unseres Vertrauens bemühen zu wollen: Benedicte. So zumindest die Erinnerung an den Namen jener jungen Dame, die wie aus dem Nichts die Loge der Beckers und Günter Boschs  geteilt hat. How dare she? Kennt Boris keine zwei Monate und darf dann in Ekstase verfallen? Neben Bosch, der Becker über Jahre täglich für mehrere Stunden auf dem Platz traktiert hat? Könnte da bitte irgendjemand eine klare Linie ziehen, eine Probezeit festlegen, nach der eine frische, weibliche Inspiration erst in eine Spielerloge darf? Unvergessen Brooke Shields an der Seite von André Agassi, die zwar so richtig gar keine Ahnung vom Geschehen an der Grundlinie gehabt, den Tränenausbruch aber mit links zustande gebracht hat.

 

Und damit zu Paul Annacone. Diametral das Gegenteil zu Frau Shields. Dennoch irgendwie fehl am Platz, welcher sich in der Loge des Swiss Maestro befindet. Nicht Pauls Schuld, zumal Federer nach der Trennung von Lundgren jahrelang ohne Coach auf der Tour gespielt hat, aber wer als Coach bei fünf Wimbledon-Titeln von Sampras dabei war, muss der denn auch unbedingt bei Federers siebten (hoffentlich) Spalier stehen? Sven Groeneveld, anybody? Hat fast die gesamte Damen-Elite schon betreut, aber ist das großartige Trainer-Spieler Gespann Bergelin-Borg nicht per se authentischer? Natürlich will der Tennisfreund es keinem Spieler verdenken, dass er auf der mühseligen Tour Alliierte sucht, im Zweifelsfall sogar solche, die für sein Spiel von Nutzen sind, aber da müsste es doch in jeder Biographie ein paar Kumpel geben, die dieses Anforderungsprofil erfüllen.

 

Und, Roger, Maestro, ganz im Ernst: Gwen Stefani? Anna Wintour? Really?